Long-COVID und Post-COVID

Neben asymptomatischen und milden klinischen Erkrankungen leidet ein beträchtlicher Anteil der Infizierten an längere Zeit anhaltenden Symptomen. Die Ausprägung der Symptome und ihre Dauer ist sehr variabel. Deshalb wurden zwei weitere Krankheitsformen definiert: Bei „Long-COVID“ sind Symptome über mehr als vier Wochen nach akuter Infektion vorhanden; bei einem „Post-COVID-Syndrom“ dauern Einschränkungen, die im Zuge einer Infektion auftreten, länger als 12 Wochen an. Betroffene Menschen werden auch als „Long-Haulers“ bezeichnet.

Wie häufig sind längerfristige Beschwerden nach einer COVID-19-Infektion?

Die genaue Häufigkeit ist noch nicht ganz klar, da bei den sehr vielen vermeintlich milden Fällen ohne Krankenhausaufenthalt bisher keine systematische Erfassung aller auftretenden Probleme erfolgt. Die Auswertung einer Gesundheits-App in Großbritannien ergab, dass 10-20% der Infizierten länger als einen und 2% über drei Monate hinaus noch Beschwerden hatten. Andere Studien ergaben teilweise noch höhere Zahlen (https://doi.org/10.1016/j.cmi.2020.12.001).

Unter den stationär behandelten Fällen ist die Zahl der Betroffenen sehr hoch: In einer britischen Studie von 384 stationär behandelten Patienten litten nach acht Wochen noch 69% unter Fatigue (anhaltende Müdigkeit, Erschöpfung, Antriebslosigkeit), 53% unter Atemnot, 34% unter Husten und 15% unter depressiven Folgen. Nach drei Monaten hat noch die Hälfte der Betroffenen Symptome (Post-COVID), die meisten von ihnen eine Fatigue. Einige der Patienten müssen ein zweites Mal stationär aufgenommen werden (in einer britischen Studie betrifft dies 30% der Patienten mit schweren Krankheitsverläufen), ein Teil von ihnen verstirbt sogar an den Spätfolgen.

Welche Menschen sind gefährdeter für einen schweren Verlauf der Infektion?

Ein höheres Alter und einige Vorerkrankungen können zu einem schwereren Verlauf führen. Dazu gehören hoher Blutdruck und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Mellitus, Übergewicht und fibrosierende Lungenerkrankungen. Asthma und chronische atemwegsverengende Lungenerkrankungen (COPD) begünstigen einen schweren Verlauf hingegen nicht.

Auch für das Auftreten eines „Long-COVID“ gelten diese Faktoren als prädisponierend. Außerdem treten chronische Probleme häufiger bei Frauen und bei bekanntem Asthma auf. Zu einem chronischen Verlauf kommt es auch dann gehäuft, wenn bereits in der ersten Woche der Infektion mehr als fünf Symptome bestehen (also z.B. Husten, Kopfschmerzen, Geruchsverlust, Müdigkeit, Durchfall).

Was passiert bei einem Long-COVID-Syndrom?

Auch Long-COVID kann alle Organe betreffen und zu schweren Lungenschäden, multisystemischen Entzündungsreaktionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Veränderungen der Gehirnfunktion führen. Diese werden durch den direkten Virusbefall oder durch immunologische Veränderungen mit Schädigung der Endothelzellen, verstärkter Entzündungsreaktion (dem Zytokinsturm) und erhöhter Gerinnungsneigung verursacht (https://doi.org/10.1080/10408363.2020.1860895). Als Korrelat hierfür wurden häufig im Blut Marker für eine anhaltende Entzündung bzw. Gerinnungsstörung und pathologische Röntgenbefunde gefunden.
Die nachfolgende Abbildung zeigt die betroffenen Organsysteme und die daraus folgenden Erkrankungen im mittel- und langfristigen Krankheitsverlauf.

Betroffene Organe Covid-19

Insbesondere das Zentralnervensystem wird bei einem langfristigen Verlauf der COVID-19-Erkrankung sehr häufig in Mitleidenschaft gezogen.

Eine virale Gehirnentzündung (Enzephalitis) kann direkt die Nervenzellen des Gehirns schädigen, was aber wohl selten der Fall zu sein scheint. Häufiger rufen die Folgen der systemischen Entzündungsreaktion, die Schädigung peripherer Organe und/oder die Veränderungen der Gehirndurchblutung, neurologische Beeinträchtigungen hervor. Bei einem Schlaganfall wird das betroffene Hirngewebe ebenfalls dauerhaft geschädigt mit entsprechend lang anhaltenden körperlichen oder kognitiven Ausfallerscheinungen.

Darüber hinaus können die anhaltende systemische Entzündungssituation im Körper und/oder eine lange künstliche Beatmung zu einer Verschlechterung der Hirnleistung und dem beschleunigten Auftreten einer neurodegenerativen Erkrankung führen. In Intelligenztests von schwer betroffenen und künstlich beatmeten COVID-19-Patienten wurde eine Verschlechterung der kognitiven Funktionen nachgewiesen, die etwa einer Alterung um zehn Jahre entspricht (https://doi.org/10.1101/2020.10.20.20215863). Viele formal „Genesene“ sprechen von einer anhaltenden kognitiven Abstumpfung bzw. von „brain fog“, also Konzentrationsschwächen und Probleme, sich verbal auszudrücken.

Eine große Rolle spielen auch mentale Veränderungen bei Post-COVID-19-Patienten. Häufig sind Angst, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen (PTSD) und Schlafstörungen. Relevant für das Auftreten einer psychischen Begleitsymptomatik sind zum einen die Länge und Schwere der akuten Erkrankung – aber sie können auch ohne vorherigen intensivmedizinischen Aufenthalt auftreten. Zum Anderen tragen auch andere körperliche und mentale Vorerkrankungen und Faktoren, die sich aus der momentanen Pandemiesituation ergeben, dazu bei. Schließlich sind die anhaltenden psychosozialen Veränderungen (Kontaktrestriktionen, Kurzarbeit, Reisebeschränkungen, Quarantäne, Besuchsverbote bzw. -einschränkungen von kranken und älteren Angehörigen) für viele Menschen (auch nicht an COVID-19 Erkrankte) eine mentale Belastung. Es liegt auf der Hand, dass sich diese Stressoren im Falle einer erlittenen COVID-19-Infektion verstärken und zu einer psychiatrischen Störung führen können, insbesondere wenn schon vorher psychische Probleme bestanden haben.

Fatigue-Syndrom

Eine Fatigue-Symptomatik berichtet ein großer Teil der zuvor Infizierten mit einem schweren Verlauf (40% der Betroffenen nach acht Wochen). Aber auch bei einer milden Krankheitsausprägung besteht häufig eine anhaltende Müdigkeit, Erschöpfung und deutlich eingeschränkte Leistungsfähigkeit. Die genauen Ursachen hierfür sind noch nicht geklärt. Wahrscheinlich ist es jedoch nicht die primäre Virusinfektion, sondern die nachfolgende systemische Entzündungsreaktion und das beeinträchtigte Immunsystem, welche die Körperfunktionen schwächen. Natürlich tragen auch die Organmanifestationen an der Lunge, dem Herzen und Gefäßsystem, an der Muskulatur und am zentralen und peripheren Nervensystem zu der längerfristig reduzierten Leistungsfähigkeit bei.