Long-COVID und Post-COVID

Neben asymptomatischen und milden klinischen Erkrankungen leidet ein beträchtlicher Anteil der Infizierten an längere Zeit anhaltenden Symptomen. Die Ausprägung der Symptome und ihre Dauer ist sehr variabel. Deshalb wurden zwei weitere Krankheitsformen definiert: Bei „Long-COVID“ sind Symptome über mehr als vier Wochen nach akuter Infektion vorhanden; bei einem Post-COVID-Syndrom dauern Einschränkungen, die im Zuge einer Infektion auftreten, länger als 12 Wochen an. In den Medien und im allgemeinen Sprachgebrauch werden beide Begriffe allerdings häufig synonym verwendet.

Wie häufig sind längerfristige Beschwerden nach einer COVID-19-Infektion?

Die genaue Häufigkeit ist kann nur geschätzt werden, da bei den sehr vielen vermeintlich milden Fällen ohne Krankenhausaufenthalt bisher keine systematische Erfassung aller auftretenden Probleme erfolgt. Bevölkerungsbasierte Studien bei denen sowohl schwer als auch initial nur sehr leicht betroffenen Infizierten ergaben Schätzungen zwischen 2 und 20%. In einer deutschen Studie waren es ca. 10%, die auch nach Monaten noch verschiedenste Einschränkungen hatten wie Atemprobleme, Schlafstörungen, Müdigkeit und Geschmacksverminderung. Eine andere Erhebung aus Deutschland ergab, dass über 5% der Betroffenen über 4 Wochen nach Akutinfektion noch arbeitsunfähig sind.
Vor allem bei den stationär behandelten Fällen ist die Zahl der Betroffenen sehr hoch: In einer britischen Studie litten nach acht Wochen noch 69% der Erkrankten unter einer Fatigue (einer anhaltenden Müdigkeit, Erschöpfung und Antriebslosigkeit, s.u.), 53% unter Atemnot, 34% unter Husten und 15% unter depressiven Symptomen. Nach drei Monaten hat noch die Hälfte der Betroffenen Symptome, die meisten von ihnen eine Fatigue. Diese Spätfolgen bringen teilweise erhebliche Einschränkungen für Berufsleben, Freizeit und Alltag mit sich und erfordern häufig langfristige Behandlung.

Wer ist gefährdeter für einen schweren Verlauf, bzw. für Langzeitfolgen der Infektion?

Ein höheres Alter und einige Vorerkrankungen können zu einem schwereren Verlauf führen. Dazu gehören hoher Blutdruck und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Mellitus, Übergewicht und fibrosierende Lungenerkrankungen. Asthma und chronische atemwegsverengende Lungenerkrankungen (COPD) begünstigen einen schweren Verlauf hingegen nicht.

Auch für das Auftreten eines Long- bzw. Post-COVID-Syndroms gelten diese Faktoren als prädisponierend. Außerdem treten chronische Probleme häufiger bei Frauen und bei bekanntem Asthma auf. Zu einem chronischen Verlauf kommt es auch dann gehäuft, wenn die Akutinfektion mit Durchfall und Geruchsverlust einhergeht und wenn die Menge der vom Körper produzierten Antikörper gegen das Virus nur gering ist. Auch Kinder können von Langzeitfolgen der Erkrankung betroffen sein. Wie häufig das eintritt, ist zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht klar.

Was passiert bei einem Long-COVID-Syndrom?

Auch „Long-COVID“ kann alle Organe betreffen und zu schweren Lungenschäden, multisystemischen Entzündungsreaktionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Veränderungen der Gehirnfunktion führen. Diese werden durch den direkten Virusbefall oder durch immunologische Veränderungen mit Schädigung der Endothelzellen, verstärkter Entzündungsreaktion (dem Zytokinsturm) und erhöhter Gerinnungsneigung verursacht (https://doi.org/10.1080/10408363.2020.1860895). Als Korrelat hierfür wurden häufig im Blut Marker für eine anhaltende Entzündung bzw. Gerinnungsstörung und pathologische Röntgenbefunde gefunden.

Die nachfolgende Abbildung zeigt die betroffenen Organsysteme und die daraus folgenden Erkrankungen im mittel- und langfristigen Krankheitsverlauf.

Betroffene Organe Covid-19

Insbesondere das Zentralnervensystem wird bei einem langfristigen Verlauf der COVID-19-Erkrankung sehr häufig in Mitleidenschaft gezogen.
Eine virale Gehirnentzündung (Enzephalitis) kann direkt die Nervenzellen des Gehirns schädigen, was aber wohl selten der Fall zu sein scheint. Häufiger rufen die Folgen der systemischen Entzündungsreaktion, die Schädigung peripherer Organe und/oder die Veränderungen der Gehirndurchblutung, neurologische Beeinträchtigungen hervor. Bei einem Schlaganfall wird das betroffene Hirngewebe ebenfalls dauerhaft geschädigt mit entsprechend lang anhaltenden körperlichen oder kognitiven Ausfallerscheinungen.
Darüber hinaus können die anhaltende systemische Entzündungssituation im Körper und/oder eine lange künstliche Beatmung zu einer Verschlechterung der Hirnleistung und dem beschleunigten Auftreten einer neurodegenerativen Erkrankung führen. In Intelligenztests von schwer betroffenen und künstlich beatmeten COVID-19-Patienten wurde eine Verschlechterung der kognitiven Funktionen nachgewiesen, die etwa einer Alterung um zehn Jahre entspricht (https://doi.org/10.1101/2020.10.20.20215863). Viele formal Genesene sprechen von einer anhaltenden kognitiven Abstumpfung bzw. von einem anhaltenden „Brain Fog“. Damit meinen sie eine dauernde Konzentrationsschwäche und Probleme, sich verbal auszudrücken.

Eine große Rolle spielen auch mentale Veränderungen bei Post-COVID-19-Patienten. Häufig sind Angst, Depressionen und Schlafstörungen. Bei intensivmedizinischer Behandlung oder sonst schwerem Verlauf können auch posttraumatische Belastungsstörungen (PTSD) auftreten. Relevant für das Auftreten einer psychischen Begleitsymptomatik sind unter anderem die Länge und Schwere der akuten Erkrankung – allerdings können diese auch ohne vorherigen komplizierten Verlauf oder intensivmedizinischen Aufenthalt auftreten. Aber auch andere körperliche und mentale Vorerkrankungen und Faktoren, die sich aus der momentanen Pandemiesituation ergeben, tragen dazu bei. Schließlich sind die anhaltenden psychosozialen Veränderungen (Kontaktrestriktionen, Kurzarbeit, Reisebeschränkungen, Quarantäne, Besuchsverbote bzw. -einschränkungen, Veränderung der Schulsituation) für viele Menschen eine mentale Belastung. Es liegt auf der Hand, dass sich diese Stressfaktoren im Falle einer erlittenen COVID-19-Infektion verstärken und zu einer psychiatrischen Störung führen können, insbesondere wenn schon vorher psychische Probleme bestanden haben.

Fatigue-Syndrom

Eine Fatigue-Symptomatik berichtet ein großer Teil der zuvor Infizierten mit einem schweren Verlauf (40% der Betroffenen nach acht Wochen). Aber auch bei einer milden Krankheitsausprägung besteht häufig eine anhaltende Müdigkeit, Erschöpfung und deutlich eingeschränkte Leistungsfähigkeit. Die genauen Ursachen hierfür sind noch nicht geklärt. Wahrscheinlich ist es jedoch nicht die primäre Virusinfektion, sondern die nachfolgende systemische Entzündungsreaktion und das beeinträchtigte Immunsystem, welche die Körperfunktionen schwächen. Natürlich tragen auch die Organmanifestationen an der Lunge, dem Herzen und Gefäßsystem, an der Muskulatur und am zentralen und peripheren Nervensystem zu der längerfristig reduzierten Leistungsfähigkeit bei.

Wie behandelt man ein Post-COVID-Syndrom?

Aus dem komplexen Pathomechanismus der Infektion, der so viele Organe schwer schädigen kann, ergibt sich die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Therapie, die oft multidisziplinär erfolgt. Ein wichtiger Pfeiler ist die Nachbeobachtung und Therapie pulmonologischer Symptome beim Lungenfacharzt, da bei zwei Dritteln der Betroffenen noch Einschränkungen bestehen. Glücklicherweise sind dies eher selten irreversible Lungenschädigungen durch eine Lungenfibrose oder durch Entzündung und Thrombose der kleinsten Lungengefäße). Das bedeutet, dass sich im weiteren Verlauf der Rehabilitation die Lungenparameter stetig verbessern können. Ob und wie häufig es zu einer kompletten Regeneration kommt bzw. wie häufig eine irreversible Lungenbeeinträchtigung bestehen bleibt, ist aktuell noch nicht klar.
Neben der Lungenfunktion müssen auch Einschränkungen weiterer Organfunktionen identifiziert und adäquat behandelt werden. Weitere spezifische Organmanifestationen können am Herzen, an Nieren, Leber, Magen-Darm-Trakt, im Blut, im Hormonhaushalt, in den Augen und an der Haut auftreten. Das autonome Nervensystem kann in seiner Funktion gestört sein, woraus Störungen der vegetativen Regulation mit autonomer Dysfunktion und Herzrhythmusstörungen („posturales Tachykardie-Syndrom“, POTS) resultieren. Darüber hinaus sind die vielen möglichen psychische Störungen relevant. All diese potentiellen Störungen müssen erkannt und spezifisch therapiert werden, wenn möglich durch eine fachärztliche Betreuung in dem jeweils betroffenen Bereich.

Jede neurologische Manifestation in der Akutphase und Post-Akut-Phase wird entsprechend den Leitlinien für neurologische Erkrankungen therapiert (siehe dazu auch den Abschnitt Therapie der COVID-19-Erkrankung). Da die neurologischen Komplikationen häufig einen chronischen Verlauf annehmen, ist eine fachärztliche Betreuung nach der Akutphase hilfreich. Hierbei wird der Rehabilitationsverlauf begleitet und mögliche Schwierigkeiten benannt, diagnostiziert und therapeutisch eingegriffen werden. Andererseits können hier weitere Krankheitsmanifestationen wie die häufige Fatigue, Schlafstörungen, kognitive und mentale Störungen angesprochen und möglichst spezifisch behandelt werden.

Gegen Schlafstörungen und Post-COVID-Kopfschmerzen kann immerhin eine symptomatische medikamentöse oder nichtmedikamentöse Therapie erfolgen. Die störende Geruchsstörung bildet sich zum Glück in den allermeisten Fällen innerhalb des ersten Jahres zurück, so dass Abwarten der einfachste Weg ist. Als Therapie kann ein gezieltes Riechtraining sinnvoll sein. Hierzu sollen Geruchsnoten wie Rose, Zitrone, Eukalyptus und Gewürznelke effektiv sein.

Gegen das Fatigue-Syndrom existiert zum jetzigen Zeitpunkt kein gesichert effektives Medikament. Sicherlich ist eine gesunde ausgewogene Ernährung wichtig, ein normaler Vitamin-D-Spiegel und eventuell auch die Gabe von Vitaminen und Mineralstoffen (z.B. Zink, Vitamin C). Das körperliche Training, das auf alle Fälle sinnvoll ist, muss sorgsam an die reduzierten physischen Fähigkeiten angepasst werden und die Belastungsschritte sehr langsam und vorsichtig gesteigert werden. Dieses achtsame Eingehen auf seine eigenen gesundheitlichen Grenzen und die Anpassung der Belastung hieran nennt man Pacing. Hierzu ist die Unterstützung durch Physiotherapie und/oder Rehasport sinnvoll. Ein wichtiges Schlagwort ist die Stressreduktion, was die körperliche Belastung, aber auch weitere gesundheitliche, psychosoziale und mentale Bereiche angeht. Um dies zu erreichen, kann auch eine psychotherapeutische Behandlung sinnvoll sein.

Zusammenfassend müssen in der Behandlung von Menschen mit einem Post-COVID-Syndrom viele Disziplinen zusammenwirken, um eine individualisierte Diagnostik und Therapie aller betroffenen Organfunktionen zu ermöglichen. Denn das Ziel ist es natürlich, dass die Komplikationen behoben werden und den Betroffenen eine Rückkehr in ihr normales vorheriges Leben möglich ist. Die AWMF (Arbeitsgemeinschaften der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) haben eine Leitlinie für das Long-Covid-Syndrom veröffentlicht, die für Patienten gedacht ist. Diese kann über den nachfolgenden Link geladen werden: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/020-027.html.